Lyrik in den Zeiten des Corona
Zwischensichtung des eigens dazu eingerichteten Online-Austausch-FORUMS, von Thomas Haker, 10.4.2020


Seit Montag dem 25. März ist das PRO LYRICA FORUM in wiederauferstandener Form online in Betrieb. Es dient dem Austausch von Gedichten und Gedanken auf Distanz. Über dreissig Schreibende haben sich bislang mit etwa hundertfünfzig Gedichten und Tagebucheinträgen beteiligt; neu sich auch in Form von Kommentaren zu eigenen oder fremden Einträgen eingebracht. Ich habe Thomas Haker angefragt, ob er eine persönliche Auswahl der bislang eingegangenen Gedichte zu Händen dieser Website erstellen möchte. Thomas Haker hat nicht gezögert, sofort zugesagt und mir nachfolgende Zeilen übermittelt. Vielen Dank Thomas!  ZOE


Wie verhält sich Lyrik, wenn der gesellschaftliche Puls in historischem Tiefstand schlägt? Wie reagiert die Kunst der verdichteten Sprache auf erzwungene Stille, auf verordnete Änderungen von Gewohnheiten, auf Verschiebungen von Bedeutungen?

Wie auf die Reise der Alltagssprache in virologisch durchseuchtes Gebiet?

Versucht Lyrik Antwort zu geben, zu klären oder Fehlendes zu ersetzen? Eilt sie voraus, sieht sie zurück oder ist sie ganz Gegenwart?

All dies wird man in den hier beispielhaft ausgewählten, zwölf Gedichten finden. Manche Gedichte haben das Virus selbst oder seine Wirkungen als Ausgangspunkt und entwickeln daraus ein Eigenleben, manche beschreiben unbeschreibbare Stimmungen, andere spielen mit Facetten der Sprache, seien es ihre Bilder, ihr Klang, ihre Darstellung. Wieder andere setzen einen Kontrapunkt zum Geschehen. Vor allem aber werden Fragen sichtbar, die Türen zu fremd-vertrauten Räumen öffnen können.


Ruth Weber geht in ihrem Gedicht ‹lockdown› der Frage nach, was Abstand-halten bedeuten kann – für den Einzelnen und in der Sprache. Und: ist in diesem Fragen nicht schon ein Licht?

‹Stillstehen› von Irène Hähne bewegt sich in dem Feld zwischen Leichtigkeit und Schwere, in welchem wir uns so plötzlich wiedergefunden haben.

In Coronablüte von Marion Panizzon werden Stimmungen in fast barockhaften Bildern gehalten und diese Gesamtschau durch kleine, grammatikalische Stolpersteine gebrochen.

Ein Feuerwerk von Bildern rauscht durch die Nacht von Oliver Flüglisters ‹À fonds perdu›, angetrieben, zusammengehalten und Assoziationen mitreißend durch die durch Verse vibrierende Sprachmelodie.

Katja Schmidlin beschreibt in ihrem Gedicht ‹im Gehölz› den Versuch einer Positionsbestimmung zwischen Innen- und Außenwelt, Ursache, Sinn und Wirkung.

Wie reich Darstellungsformen schriftlicher Sprache sein können und welch zarte, tiefe Bedeutung diese jeweiligen Darstellungsformen tragen können, entfaltet Steven Pianelli in ‹SchimmeR›.

Cornel Köppel lässt ‹lufttrug› sich selbst tragen: die Kunst sich zurückzunehmen und das Gedicht geschehen zu lassen, kann als Antwort auf Vereinnahmungsversuche verstanden werden.

Erfrischende Leichtigkeit reflektiert Marco Berg mit ‹Forschungsreise› in unsere dramatisch aufgeladenen Gesellschafts- und Innenräume.

In ‹jetzt› von Jolanda Brigger Ruppen ändern sich Bedeutungen durch das Hinzufügen und Wegnehmen einzelner Worte, gleichzeitig ergibt sich dabei ein Schriftbild, welches die Zeilen in ihren Bedeutungsrahmen setzt.

Olivia Zeier lässt in ‹Odyssee› surreale Bilder aufflimmern, leicht, fast flapsig in ihrer Form, tragisch in der Bedeutung, die sie tragen.

Getraud Wigglis ‹Zeichen› thematisiert menschlichen und zeitlichen Abstand, zeigt wie Abstände in Zeilenumbrüchen zum Motor ganz unterschiedlicher Rhythmik werden können.

‹Die schmutzigen Turnschuhe› von Beatrice Haupt eröffnet uns die Sicht auf eine unverkitschte, berührende Magie der Gegenwart.


Beachte: Alle oben aufgeführten Gedichte sind auch in einer eigenen Carte blanche am Stück zu lesen.