Carte Blanche 2019/8 von Marion Panizzon
© 2019 by Marion Panizzon



‹Carte Blanche› ist ein Angebot von PRO LYRICA für ihre Mitglieder. Hier stellen sich Lyrik-Autorinnen und Lyrik-Autoren für die Dauer einiger Monate mit Arbeiten vor. Sie möchten hier publizieren? Senden Sie eine Anfrage an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


 

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Holundergesicht

Erlischt der Augenblick
Wischt sich eine Träne ab
Bricht sich am Licht
Öffnet sich nicht
Kocht in der Gischt
Gehalten im Sirupglas
Bis es zerbricht am Küchentisch

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Jünglings Gericht

Die Arme verschränkt
Der Blick entzweit
Der Tanz beendet
Geküsst im Elend
Das Leid beginnt
Ohne dass ein Lied erklingt
Gestohlen, ohne Dich

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Change is my Shape

We looked for water to dip an idea
And found a stone to contain the flow


We drowned our aches into the bend of the Aare river
And found a pond to swap our shape

We submerged our mind into a pool
And wooed our limbs to grow webbed toes


Sub aqua, sub aqua

Bellowed the frogsy

In reference to Ovid’s Metamorphoses, 6.376.

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L’ange guardien / Schutzengel

Quand je vis bien, geht es mir gut
J’ai de la colère que je partage avec moi-même
Je mange un oeuf dans un berceau neuf
J’appelle les anges au secours
Wenn ich lebe, geht es mir gut
Les anges gardiens je n’en ai plus besoin

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Rilkes Rose

Rilkes Rose zur Sauce
Aus dem Matsch des Lebens
Findet kein Kartoffelstock mehr Raus
Das Gestampfte wird Zum Brei
Mastig zieht er Fäden, Hastig Liebt er Häme
Frei bleibt Nur das Sonntägliche Rührei
Das sich Rührt auch wenn es nichts berührt
Das Goldgelb einen Himmel fängt, der nichts mehr erhellt

  

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Rätsel

Wenn ich Dich nehme, werde ich still
Wenn ich Dich vergesse, werde ich wild
Ohne Dich entsteht kein Bild
Zusammen mit Dir versteh ich besser, was ich will
Ohne Dich gibt es Leben
Mit Dir gibt es Fehler
Ohne Dich sehe ich gross
Mit Dir sehe ich bloss
Punkte auf der Linie
Sterne auf dem Herzen
Himmel über Städte
Bloss keine Risse und Schmerzen
Nur keine Tiefen
Einzig glatt und matt der Tag
Eben und Beben das einzige Leben
Liebe und Trost, Wehen und Not, schreibt Euch auf eine andere Zeile bloss. 

 

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Coronation

When nature finally can stretch
Without having to fear the snatch 

Of human nature’s wanting catch
Reaching for mother nature’s breast 

When pods and buds alike will ripen
Effervescent blossom no longer frightens 

Leaves began to liken the setting sun for silken cover
No neon light to trace the lovers 

A windless evening will set a plaid
No maid will dare to lift her brow
Rhyme and thyme can wait
For Diana’s arrow to move more slow 

Undeterred by human haste
Putting in vases what will waste
The stolen, dying fruits of gloom 

A petal dies in crackled earth enriched
Washed clean of human pit

To the dewy music of the morning news
As not to awaken to a sound of blues 

Awaiting their span of budding
A canopy of whitewashed blossom

Burgeoning trees setting free acres of green
Quarantined from human spleen.